Die Arbeit

16 04 2010

Wir wollen ja nicht vergessen, warum ich eigentlich hier bin – es ist ja schliesslich die Medizin, die Arbeit mit den Kindern, die mich veranlasst hat, hier her zu kommen. Und nach dem nun bereits eine Woche vergangen ist, in der ich mehr und mehr alleine die 20-25 Kinder visitiere, habe ich nun – glaube ich – einen ersten Eindruck bekommen.

Eins steht fest: die Medizin hier ist anders – ganz anders. Aber was habe ich erwartet? Das Problem ist, dass natuerlich die Medizin an sich nicht anders ist, also d.h. die Kinder haben die gleichen Organe, auch hier gibt es Antibiotika und Infusionen und einen OP usw.. Auch wenn alles natuerlich einen etwas geringeren Standard hat und die Auswahl an Medikamenten eingeschraenkt ist, gibt es doch viele Moeglichkeiten. Von der Ausstattung her bin ich also durchaus positive ueberrascht. Aber all’ die Mittel werden anders eingesetzt. Ich bin leider in der einen Woche noch nicht ganz dahinter gekommen, ob das Unwissenheit oder doch langjaehrige Erfahrung in Tropenmedizin ist. Letzteres will ich nicht ganz ausschliessen, halte ich aber doch oft fuer eher unwahrscheinlich, da meine Konsultationen von Dr. Julie (erfahrene amerikanische Aerztin, die seit 18 Jahren hier arbeitet) mir doch haeufig recht geben.

Die meisten Kinder werden hier gegen Malaria behandelt, trotz meistens negativem Ausstrich, also ohne Nachweis. Und oft haben sie tatsaechlich noch nicht mal richtige Malaria-Symptome. Dazu kommt, dass Kumbo gar nicht so ganz doll Malaria-Gebiet ist – es liegt naemlich ziemlich hoch. Ich hatte noch nicht einen einzigen Mueckenstich – und das will was heissen (meine Familie weiss, wovon ich rede…). Na gut, aber das ist ja nun tatsaechlich Tropenmedizin, die Ausstriche sind nicht so ganz sicher und ich habe auf dem Gebiet nun wirklich kaum Erfahrung.

Aber dann wird auch sehr, sehr gerne jedes Kind mit 2 Antibiotika behandelt – und zwar schon sofort bei Aufnahme, egal wie der klinische Zustand ist und auch Fieber scheint nicht der wichtigste Indikator zu sein. Jetzt ein Ausflug in die medizinisch (mehr oder weniger Fachwelt) – also nicht verzagen, wenn der naechste Absatz nicht verstanden wird – einfach ueberspringen…

Ein 4 Monate alter Saeugling mit einem Erysipel nach Insektenstich ohne allgemeine Infektionszeichen, kein Fieber, trinkt normal. Ich wollte z.B. Cloxacillin ansetzen. Das machte dem hiesigen Arzt aber Bauchschmerzen. So gab es erst mal ein Abdomensono, Ampicillin und Gentamicin. Nach einer Gabe wurde Ampicillin abgesetzt und dafuer Ceftriaxone dazu genommen. Das kleine Maedel wird also jetzt mit Genta und Rocephin bei Weichteilinfektion ohne Allgemeinsymptome behandelt. Stimmt Ihr mir zu, dass das too much ist?
Oder dann wird total gerne Paracetamol fuer 3 Tage FEST alle 8 Stunden verschrieben – na gut, das macht ja so mancher Arzt bei uns auch mal ganz gerne :)…
Oder wenn ich dann auf die Idee komme PCM bei Bedarf alle 6 Stunden zu verschreiben, kommen die Schwestern mit einem Augenzwinkern und stolz wie Bolle einen Fehler bei mir entdeckt zu haben zu mir, weil man ja PCM maximal 3 mal am Tag geben darf.

Ja, was es noch ein bisschen schwierig fuer mich macht sind die super komischen Abkuerzungen:
OiD -> einmal taeglich, BiD -> zwei mal taeglich, TiD -> richtig, drei mal taeglich, q 6 hrs -> alle 6 Stunden, oder hier, das ist gut: kvo -> keep vein open, wenn ein Tropf nur auf Erhalt laufen soll.

Naja, aber ich gewoehne mich dran und werde versuchen langsam, langsam (denn schnell ist hier mal gleich ueberhaupt nicht) die Dinge zu aendern, die ich wirklich wichtig finde. Und natuerlich werde ich belassen, was eh egal ist!

Es sind hier leider auch schon mehrere Kinder verstorben und auch das ist gewoehnungsbeduerftig. Also ich meine, wie das ablauft. Mein Reanimationsvorhaben wurde rasch unterbrochen durch den Doktor, weil das wohl keinen Sinn macht. Die Schwester hatte mich tatsaechlich etwas spaet gerufen und dazu sagte sie nur ganz vorsichtig, ob ich eventuell mal kommen koennte – ich weiss nicht, wie lange dieses Kind schon nicht mehr geatmet hat. Aber Dringlichkeit scheint hier kein begriff zu sein! Bis Adrenalin kam sind ungefaehr 10 Minuten vergangen und mit Herzdruckmassage schienen weder die Schwester noch der Arzt so recht etwas anfangen zu koennen. Auch wenn ich extrem weit von einem Intensivmediziner entfernt bin, kann eine kleine Fortbildung in Sachen Reanimation fuer das Personal denke ich sehr hilfreich sein.
Naja, und dann sammeln sich alle Angehoerigen der anderen Patienten und auch die Patienten, wenn sie irgendwie koennen und schauen – wie Fernsehen, aber ohne Scheu.

Tja, aber es gibt auch viele schoene Erlebnisse – heute habe ich beispielsweise Clotilda, die letztes Jahr im Oktober wegen Ihres Lymphoms behandelt wurde, zur Nachsorge gesehen. Sie hatte mich sofort erkannt und so sehr gefreut. Es geht Ihr sehr gut!
Dann haben sich alle so sehr ueber die vielen Altkleider und das Spielzug gefreut – es wird durch die Oberschwester ganz sorgsam verwaltet und an die wirklich Beduerftigen ausgegeben. Grosser Dank an die Spender – wirklich!

Auf bald, bis es wieder heisst: Neues aus Kumbo…



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2 Antworten zu “Die Arbeit”

  • Martin sagt:

    Bei dem bericht fieber ich auch als nichtmediziener mit!schön,daß du vor ort was bewirken kannst und ich gespannt, was du so alles veränderst,bis ich vorbei komm!

  • Elke sagt:

    HI Mona,

    das ist super interessant einen Enblick zu bekommen. Vielen Dank:)
    Elke

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