Was ist hier eigentlich so anders?
15 08 2010
Blutspende

Ganz normal, oder?
Ja, genau, die Hautfarbe! Aber das macht den Unterschied nicht aus. Oder doch?
Es stimmt zwar, ich werde überall sehr freundlich empfangen, habe schnell viele Freunde gefunden und werde meist doch einen Tick bevorzugter behandelt. Sei es im Supermarkt (ja, in Kumbo gibt es auch einen Supermarkt …), in der Kantine oder einfach auf Station. Andererseits aber werden die anderen afrikanischen Ärzte ebenso zuvorkommend behandelt. Ist es also der Beruf oder die Hautfarbe?
Ich denke es ist eine Kombination aus beidem. Respekt ist hier sehr wichtig und wird auch gelebt – Respekt vor den Eltern, vor einer älteren Person und vor (hier noch J) angesehenen Berufen, wie halt dem Arzt.
All´ den Menschen, die mich inzwischen besser kennen, die meine Freunde geworden sind, ist es glaube ich inzwischen ziemlich egal ob ich weiß bin, Arzt bin oder sonst was. Und bei diesen Menschen spüre ich einfach eine Freundlichkeit aus tiefstem Herzen, eine Gelassenheit, die ich bewundere (da ich ja eher ungeduldig bin, auch wenn sich das schon seeehhhr geändert hat – Ihr werdet Euch wundern…), die mich allerdings auch manchmal noch immer fast zur Weißglut bringt, und auch Interesse, Neugier und Offenheit für Neues.
Ich denke der größte und offensichtlichste Unterschied ist das TEMPO. Nichts eilt so richtig. Angefangen beim einfachen Laufen – ich habe echt Schwierigkeiten (und das ist kein Witz) so langsam zu laufen wie der Durchschnitts-Kameruner. Und dieses langsame, oder vielleicht positiv ausgedrückte, gemütliche Tempo zieht sich durch alle Lebenslagen und –aufgaben. Und damit ganz eng verknüpft ist natürlich die Gelassenheit – „wenn nicht heute, dann halt morgen“. Diese Einstellung macht das Leben natürlich sehr viel einfacher und ist auch gesünder – kein Stress, keine Hektik! 4 Stunden warten, bevor ein Arzt kommt oder Blut abgenommen wird oder sonst was – hier meist kein Thema – keine Beschwerden! Wenn die Krankenhausrechnung nicht bezahlt werden kann – kein Stress, dann „wohnt“ man halt auch nach Entlassung noch Tage bis Monate auf dem Krankenhausgelände. Viel unkomplizierter. Vier Babys, die Pohototherapie brauchen, aber nur eine Lampe? Nicht so schlimm – da wird dann halt eine gebaut. Ja, und da fängt es dann an unangenehm zu werden. Denn bauen dauert und ohne Stress kann bauen auch echt lange dauern…ein Teufelskreis! Aber, die meisten wissen es: Frühgeborenes 26 Schwangerschaftswochen, 1100g, Bilirubin am 3. Tag 15 mg/dl – SCHNELL! DRINGEND! Phototherapie JETZT‼!
Naja, was ich sagen möchte ist glaube ich klar – Ruhe und Gelassenheit ist super, wichtig und ich könnte mehr vertragen, aber in der Medizin ist Dringlichkeit und Schnelligkeit oft nicht verkehrt…
Dann sind es hunderttausend kleine Dinge und Gesten, die ich täglich erlebe, die es so anders, so schön und manchmal auch so traurig machen. All´ diese Taten sind oft so winzig, dass ich sie vielleicht inzwischen gar nicht mehr bewusst registriere oder am Abend schon wieder vergessen habe. Es ist so schwierig die kleinen Dinge zu beschreiben, da man sie erleben muss.
Die Hühner und Ziegen auf dem Krankenhausgelände, die Patienten wie Haustiere von zuhaue mitgebracht haben. Eine muslimische Familie in einem Dorf ca. 2 Stunden von Kumbo entfernt (sie sind einige der Wenigen, die Joghurt und Käse produzieren) bringen mir auf der Durchreise durch Kumbo 1,5 L Yoghurt mit – als Geschenk, ohne etwas dafür zu erwarten. Eine Patientin hat mir ca. 5 kg Erdnüsse von ihrer Farm mitgebracht (also so richtig ERDnüsse – mit viel Erde dran…). Die typische Mami auf der Straße mit einem ganzen Wald von Baumstämmen oder Tonnen von Kartoffeln oder anderen Dingen auf dem Kopf und dem Baby auf dem Rücken, dahinter die kleine Tochter, vielleicht 4-5 Jahre alt mit einem etwas kleineren Sack auf dem Kopf, aber eventuell auch Baby auf dem Rücken. Der typische „public transport“ Toyota mit 4 Erwachsenen, 3 Kindern HINTEN und 4 Erwachsenen VORNE, einem riesen Korb voll quiekender Küken, 10 Säcke Zement und allerlei anderer Dinge im Kofferraum (auch dass ist kein Witz – ich war einer der 3 Kinder, ach ne, 4 Erwachsenen hinten drin). Ja, und so könnte man unendlich fortfahren.
Ihr müsst es erleben – und das ist die Einladung an jeden, der mich doch gerne besuchen möchte…
Alles in allem wirken die Menschen hier auf alle Fälle, trotz der doch meist deutlich schwierigeren Lebensumstände,

Douala - doch nicht so anders?
irgendwie viel glücklicher. Liegt wohl daran, dass weniger gejammert und mehr hingenommen wird und man versucht, mit dem, was man hat, zufrieden zu sein. Ob das gut oder schlecht ist, wage ich nicht zu beurteilen, da natürlich hinnehmen und sich zufrieden geben auch Fortschritt verhindert. Aber glücklich sein ist doch essentiell, oder?






hallo mona, also auf mich hast du bisher nicht unentspannt gewirkt. es wird also spannend, wenn du wieder zurückkommst. vermutlich biste mir dann viel zu gemütlich.
das mit dem laufen bzw. versuchen so zu schleichen wie andere leute kenne ich noch aus meiner zeit in freiburg, wo ich mir immer dachte „noch nen tick langsamer und ihr steht!“. naja, aber so ist das halt mit den kulturellen unterschieden.
freut mich, dass es dir nach wie vor dort unten gefällt. was macht eigentlich deine kulinarische situation? joghurt kriegst du ja schon mal geliefert … und was gibt es sonst.
fühle dich ganz lieb gedrückt, dia
ps: ich kommentiere nicht jeden eintrag, aber ich lese sie alle.
Oh, kulinarisch – super!!! Spaghetti-Omlette, Soya (gegrillte Fleisch-Spießchen). Und erst letzte Woche habe ich ungelogen so ca. 20 kg Kartoffeln von einer Patientin- Mutter geschnekt bekommen…
Naja, nischt für Amir, weil bis auf die köstlichen Spießchen und Dosenfleisch viiiel Gemüse und Obst. Aber ich mag´s!